Lieber Oded,
leider hatte ich nie das Privileg, dich persönlich kennenzulernen. Doch seit unserem Tag des Unglücks – dem 7. Oktober – bist du ein Teil von uns allen geworden.
Wie so viele in unserem Land fühle auch ich mich, als würde ich dich gut kennen: aus den Interviews, Reden und Gesprächen deiner bemerkenswerten Frau Jocheved; aus unzähligen Stunden der Diskussionen mit deiner beeindruckenden Familie; aus den Artikeln von Nachum Barnea und deinen Journalistenkollegen über dich; und aus den Geschichten, die viele deiner Freunde mit uns teilten und zu einem vertrauten Gesicht in ganz Israel und der Welt gemacht haben. Du verkörpertest den typischen israelischen Geist: eine Verkörperung deiner Generation und deines Heimatlandes – Israeli, Zionist, Jude, ein Mensch von Menschlichkeit, ein Liebhaber seines Volkes und aller Menschen.
Du warst Kibbuznik, Pionier und Kämpfer, ein Gemeinschaftsbauer, ein leidenschaftliches Mitglied von (der sozialistischen Jugendbewegung) HaSchomer HaZair, ein Mann der Tat und vor allem – ein hingebungsvoller Familienmensch. Ein Mann, der den Frieden liebte und den Frieden verfolgte, stets seinen Nachbarn in einem Geist der Versöhnung die Hand reichend – und das mit Weisheit und Tiefe, im Verständnis, dass dies von höchstem strategischen Interesse für den Staat Israel war.

Zu unserem tiefen Bedauern wurdest du nach Gaza entführt und von Terroristen, die von blindem Hass erfüllt waren, brutal und monströs ermordet.
„Ich bitte um Vergebung“
Heute stehe ich hier, auf dem Boden deiner Heimat. Als Präsident des Staates Israel und im Namen des Staates Israel bitte ich dich, geliebter Oded, Jocheved und deine Familie, um Vergebung. Vergebung dafür, dass der Staat Israel dich, deine Familie und deinen Kibbuz nicht geschützt hat. Vergebung dafür, dass du angesichts solcher unmenschlicher Grausamkeit allein gelassen wurdest. Vergebung dafür, dass wir es nicht geschafft haben, dich und all deine Freunde sicher aus den Klauen der Mörder zu retten und heimzubringen. Ich bitte um Vergebung.
Auch euch, ihr mutigen und edlen Mitglieder des Kibbuz Nir Os, bitte ich um Vergebung. Als Präsident des Staates Israel, in diesem schmerzlichen und qualvollen Moment, verneige ich mein Haupt vor euch und bitte euch alle um Vergebung: Vergebung dafür, dass wir an jenem verfluchten Tag nicht für euch da waren. Vergebung für das Versagen und die Blindheit, die zu dem unerträglichen Preis führten, den ihr – und wir alle – bezahlt haben.
In diesen Tagen, während wir eure Liebsten zur ewigen Ruhe betten, hört man aus jedem Haus, jedem Weg und jedem Herzen in Nir Os die Schreie, Tränen des Kummers und bitteres Weinen. Wir alle weinen mit euch.

Ich weiß, dass ihr, zusammen mit Tausenden anderen den Schrecken jenes dunklen Tages in euch tragt. Von euch und so vielen anderen habe ich den Schrei und die berechtigte Forderung nach angemessener Anerkennung für die Stimmen, die Zeugenaussagen, die Geschichten und all die dokumentierten Berichte derer gehört, deren Welt am 7. Oktober zerbrochen ist.
Forderung nach Untersuchungskomission
Erneut möchte ich aufrufen zur Einrichtung einer staatlichen Untersuchungskommission, dem höchsten Standard für eine gerechte Nation – um alles eingehend und fachgerecht zu prüfen, was zu diesem Versagen und dieser schrecklichen Katastrophe geführt hat. Dies ist ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg zur Heilung, zum Wiederaufbau und zur Stärkung des Staates und unserer Gesellschaft nach diesem tiefen Bruch.
Geliebte Jocheved – das Herz der gesamten Nation war bei dir, als du aus der Dunkelheit zurückkehrtest und zusammen mit deiner entschlossenen und mutigen Familie einen globalen Kampf führtest, um Oded und seine Freunde heimzubringen. Meine Frau Michal, ich, sowie das gesamte Volk, sahen deutlich, wie du Odeds Bild überall bei dir trugst, nah an deinem Herzen. Sein Wohlbefinden war dir so wichtig und tief mit deinem eigenen verbunden.
Wir stehen vor den atemberaubenden Landschaften des westlichen Negev, und unser Herz füllt sich mit Liebe zu diesem Land – für seinen weichen Boden, für die atemberaubenden roten Blüten, die vor unseren Augen zu blühen begonnen haben. Und gleichzeitig ist es unerträglich, zu denken, dass genau diese Erde – dieses Land des westlichen Negev – heute Oded, und morgen die geliebten Schiri, Kfir und Ariel Bibas umfassen wird. Ich sende mein tiefstes Beileid und meine Kraft von der gesamten Bevölkerung Israels an Jarden Bibas und die gesamte Familie.
In diesen mit Tränen, Trauer und Kummer gefüllten Momenten möchte ich euch sagen – geliebte Gemeinschaft von Nir Os: Eurer enormen Kraft bin ich erstmals in den Evakuierten-Hotels begegnet. Während dieser schmerzvollen Monate haben wir in und durch euch so viel Stärke, Widerstandskraft und Hoffnung gesehen und selber empfangen. In euch haben wir das Wesen des Kibbuz Nir Os gesehen: „Nicht müde vom Weg, sondern den Pfad schmiedend.“

Wenn ich euch heute anschaue, weiß ich sicher: Die Gemeinschaft von Nir Os wird überleben. Die Gemeinschaft von Nir Os wird leben und aufblühen. Die Gemeinschaft von Nir Os wird wieder aufgebaut und wieder aufbauen. Nir Os wird auch künftig ein Symbol der Entschlossenheit, des Aufbaus, des Glaubens und der großen Hoffnung sein. Das gesamte Volk Israel wird bei jedem Schritt des Weges an eurer Seite stehen.
Apell zur Rückkehr aller Geiseln
Unsere höchste und dringende Mission bleibt, alle Geiseln unverzüglich in ihre Heimat zurückzubringen. Jede einzelne von ihnen. Aus den Berichten derjenigen, die zurückgekehrt sind – einschließlich derer, die heute bei uns sind – ist unmissverständlich klar: Jede einzelne Geisel ist ein humanitärer Fall. Für uns alle ist jeder von ihnen eine ganze Welt, aber für euch ist es noch viel mehr: Es sind eure Familien, eure Freunde, die geliebten Menschen, mit denen ihr aufgewachsen seid. Sie sind Teil eures Lebens und Teil eurer Seele. Ich verspreche euch: Ich werde nicht ruhen und ich werde nicht schweigen, bis sie alle heimkehren. Jeder Einzelne von ihnen. Die Lebenden zu ihren Familien und die Gefallenen zu einem würdigen Begräbnis.
Gemeinsam mit euch verneige ich mein Haupt in Dankbarkeit und Ehrfurcht vor den vielen trauernden Familien, die einen so schrecklichen und schweren Preis für die Rückkehr der Geiseln und für die Wiederherstellung der Sicherheit der Bürger Israels gezahlt haben. Von hier aus sende ich ein Gebet und eine Sehnsucht nach echtem Frieden und wahrer Sicherheit für unser Volk und unser Land. Ich bete für den Erfolg und die Sicherheit der Soldaten der israelischen Armee und für die Heilung der Verwundeten – sowohl im Körper als auch im Geist.
Möge die Seele von Oded Lifschiz, geliebt und geschätzt, und die Seelen all derer, die in Nir Os und im westlichen Negev ermordet wurden, und all derer, die am 7. Oktober und in diesem schweren Krieg gefallen sind oder ermordet wurden, im Bund des Lebens für die Ewigkeit verbunden sein. Möge ihr Andenken im Herzen unseres Volkes für die kommenden Generationen eingraviert werden.
Übersetzung aus dem Hebräischen: Merle Hofer
Eine Antwort
„Ich bitte um Vergebung“. Präsident Herzog , der beste Präsident von allen. Untersuchungskomission? Nein, nicht nötig.