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Noah Klieger ist tot

In Auschwitz rettete ihm das Boxen das Leben. Nach einem Sprung vom Flüchtlingsschiff „Exodus“ entkam er nur knapp dem Ertrinken im Mittelmeer. Auch den Unabhängigkeitskrieg überlebte er. Nun ist Noah Klieger in Israel gestorben.
Weil ein serbischer Wachmann ihn vom Lastwagen stieß, wurde Noah Klieger nicht direkt zu den Gaskammern von Auschwitz gebracht

Der Auschwitz-Überlebende Noah Klieger ist am Donnerstag in Tel Aviv im Alter von 92 Jahren gestorben. Klieger war ein bekannter Journalist und Sportfunktionär. 1947 hatte er die Rettung von Juden aus Europa unter anderem mit dem Schiff „Exodus“ in das damalige britische Palästina organisiert.

Klieger wurde am 31. Juli 1926 in Straßburg als Sohn des französischen Journalisten Bernard Klieger geboren. Die Familie übersiedelte Mitte der 1930er Jahre aus Angst vor dem Expansionsdrang Hitlerdeutschlands ins vermeintlich sichere Belgien.

Während der deutschen Besatzung Belgiens schloss sich Klieger 1941 einer jüdischen Untergrundorganisation an, die in Kooperation mit der französischen Résistance rund 300 jüdische Kinder und Jugendliche heimlich in die Schweiz bringen konnte. 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet und zunächst im SS-Sammellager Mechelen gefangen gehalten.

Rettung durch einen serbischen Wachmann

Von dort wurde er über verschiedene Konzentrationslager 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz verbracht, wo er beinahe bereits an der Empfangsrampe den Selektionsmethoden der Deutschen zum Opfer gefallen wäre, als er den scheinbar großzügig für die schwächeren Ankömmlinge zur Verfügung gestellten Lastkraftwagen besteigen wollte. Ein serbischer Wachmann, der wusste, dass dieser Wagen direkt zu den Gaskammern fuhr, hatte Mitleid und stieß ihn davon wieder herunter. Erst später wurde Klieger klar, dass der Mann ihn gerettet hatte.

Als der vom Boxen begeisterte Kommandant des KZ Auschwitz III Monowitz, SS-Hauptsturmführer Heinrich Schwarz, zur Unterhaltung für sich und seine Wachen unter den Häftlingen eine Box-Mannschaft aufstellte, gab sich Klieger als Boxer aus und wurde aufgenommen. Vor dem Krieg hatte er zwar intensiv Schwimmsport betrieben, geboxt hatte er jedoch nie. Von seinen zweiundzwanzig Kämpfen in Auschwitz gewann er folglich keinen, aber die Sonderration als Boxer (ein Topf Suppe täglich) ermöglichte ihm das Überleben. Beim Herannahen der Roten Armee wurde er auf einen der Todesmärsche über das KZ Mittelbau-Dora ins Konzentrationslager Ravensbrück geschickt, wo ihn Rotarmisten befreiten.

Bei seiner Heimkehr nach Belgien traf Klieger durch einen glücklichen Zufall in einer Brüsseler Straßenbahn seine Eltern, die gleichfalls Auschwitz überlebt hatten. In Belgien begegnete er Soldaten der Jüdischen Brigade und begann, sich für den Zionismus zu engagieren. 1947 sollte er als Beauftragter des „Mossad le Alija Bet“, einer Einrichtung der Einwandererorganisation Jewish Agency, die aus britischer Sicht illegale Auswanderung von rund 4.500 jüdischen Überlebenden aus südfranzösischen DP-Lagern nach Palästina organisieren.

Die Zeit dafür wurde knapp, da Frankreich aus Rücksicht auf die britischen Interessen im Mandatsgebiet Palästina seine Grenzen für Juden auf dem Weg nach Palästina schließen musste. Am 9. Juli, dem Tag der Abfahrt aus den DP-Lagern, eröffnete die französische Fernfahrergewerkschaft einen landesweiten Streik für höhere Löhne und errichtete an allen Fernwegen Straßenblockaden.

Die Reise mit der Exodus

Klieger versicherte sich jedoch mittels einer großzügigen Spende für die Streikkasse der Solidarität der Gewerkschafter und in der Nacht zum 10. Juli erreichten seine Flüchtlinge auf 170 Lastkraftwagen den Hafen von Sète. Dort ließen die französischen Behörden die Menschen trotz offensichtlich eilig gefälschter Visa für eine angebliche Passage nach Südamerika an Bord eines alten Dampfschiffes namens „President Warfield“ gehen, den die paramilitärische Untergrundarmee Hagana in „Exodus 1947“ umbenannt hatte.

Die Exodus wurde dank eines Romans von Leon Uris und dessen Verfilmung zu einem Symbol der jüdischen Flüchtlinge nach Palästina und deren Rückschickung nach Deutschland durch die Briten. Das Schiff wurde auf dem Weg nach Palästina von der Royal Navy aufgebracht. Man verteilte die Flüchtlinge auf drei andere Schiffe und schickte sie zunächst zurück nach Frankreich, von wo man sie ausgerechnet wieder nach Deutschland verbringen wollte.

An Bord des voranfahrenden Schiffes fassten Klieger und die anderen Anführer der Operation den Plan, dass die Insassen in Frankreich die Ausschiffung aus Protest gegen die britische Judenpolitik verweigern sollten. Damit dieser Plan gelingen konnte, mussten jedoch die Flüchtlinge auf den beiden anderen Schiffen informiert werden, denn falls diese früher anlegten und sich ausschiffen ließen, wäre das Vorhaben gescheitert. Auf der Suche nach einem Freiwilligen, der schwimmend zu den anderen Schiffen gelangen sollte, fiel die Wahl auf Klieger, der zuvor von seinen Schwimmsportambitionen als Jugendlicher erzählt hatte.

Klieger sprang also ins Mittelmeer, doch das nachfolgende Transportschiff änderte seinen Kurs und wich ihm aus. Er trieb fast eine Stunde im Meer, war dem Ertrinken nahe und wollte sich fast schon aufgeben, als er von der Besatzung eines britischen Minenräumbootes gerettet wurde. Auch er wurde nach Deutschland deportiert.

Klieger konnte durch den freiwilligen Wehrdienst Machal trotzdem ins gerade gegründete Israel gelangen und nahm am Unabhängigkeitskrieg teil. Nach dem Krieg wandte er sich wie sein Vater dem Journalismus zu und fing an, für die Zeitung „Yediot Aharonot“ zu schreiben.

Karriere als Journalist

Regelmäßig berichtete er von den Basketball-Europameisterschaften seit 1951. Nur bei denen in Ungarn (1955) und Bulgarien (1957) ließen ihn die dortigen kommunistischen Machthaber nicht einreisen. Auch die Olympischen Spiele in München (1972) begleitete er journalistisch. Nach der Geiselnahme von München hörte er jedoch damit auf.

Lange Jahre war er Vorsitzender der Basketball-Sektion der „Association Internationale de la Presse Sportive“ (APIS) und Präsident der Basketball-Abteilung von Maccabi Tel Aviv sowie Vorsitzender des „Media Council“ des Internationalen Basketballverbandes „Fédération Internationale de Basketball“ (FIBA). Er war zudem Vorsitzender des israelischen APIS-Verbandes.

Auch wenn ein Schwerpunkt seines journalistischen Wirkens im Sport lag, schrieb er doch stets über politische Themen: So berichtete er über den Eichmann-Prozess, die Auschwitz-Prozesse, den Sobibor-Prozess, die Majdanek-Prozesse, den Prozess gegen Klaus Barbie und später auch aus München über das Strafverfahren gegen John Demjanjuk. Er war das älteste Redaktionsmitglied der israelischen Presse und galt als Doyen des israelischen Sportjournalismus.

Als Zeitzeuge der Scho’ah und der Gründung Israels hat er mehrere Bücher geschrieben und vermittelte in Vorträgen diese Erinnerung insbesondere an junge Menschen, auch in Deutschland und der Schweiz. Klieger sprach acht Sprachen. Er hinterlässt eine Tochter und drei Enkelkinder.

Von: Ulrich W. Sahm

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