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Deutsch-israelischer Philosoph Omri Boehm spricht nicht bei Buchenwald-Gedenken

Eine Rede des deutsch-israelischen Philosophen Boehm zum Jahrestag der Buchenwald-Befreiung wird abgesagt. Der Grund ist ein Konflikt mit der israelischen Regierung.
Von epd

WEIMAR (epd) – Gedenkstätten-Leiter Jens-Christian Wagner wirft der israelischen Regierung eine Einflussnahme auf das Gedenken an die Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora auf dem Rücken der Opfer vor. „Einem Enkel einer Holocaust-Überlebenden das Wort zu versagen, das ist wirklich das Schlimmste, was ich in 25 Jahren Gedenkstättenarbeit erlebt habe“, sagte Wagner am Donnerstagabend bei „radio3“ des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB).

Kurz vor dem Jahrestag der Befreiung am 11. April war die geplante Rede des deutsch-israelischen Philosophen Omri Boehm abgesagt worden. Er hätte am Sonntag auf der zentralen Gedenkveranstaltung in Weimar sprechen sollen. Die Einladung wurde zurückgezogen aufgrund eines sich anbahnenden Konflikts mit Vertretern der israelischen Regierung. Boehm gilt als deren Kritiker.

Vortrag zu einem späteren Zeitpunkt nachholen

Gemeinsam sei entschieden worden, den geplanten Vortrag des New Yorker Hochschullehrers zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen, erläuterte Wagner zuvor die Absage. Er betonte, an der persönlichen und fachlichen Eignung Boehms als Redner im Rahmen des Gedenkens bestehe keinerlei Zweifel.

Der sich abzeichnende Konflikt sei jedoch geeignet gewesen, die vielfach seelisch verletzten Überlebenden zu instrumentalisieren und noch weiter in diesen Konflikt hineinzuziehen. Es sei das oberste Ziel, eine Gedenkveranstaltung in Erinnerung an die Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora zu gewährleisten, in der die Überlebenden im Mittelpunkt stehen, nicht eine von außen angestoßene Debatte.

Omri Boehm leiste mit seinen international beachteten und mehrfach ausgezeichneten wissenschaftlichen Arbeiten wichtige Impulse in der Erinnerungsarbeit, sagte Wagner. Der Philosoph sei ein wichtiger internationaler Brückenbauer auch im Sinne des Leitspruchs „Geschichte begreifen – für die Zukunft lernen“ für die Arbeit in der Stiftung Gedenkstätten. Die Festrede wird jetzt Altbundespräsident Christian Wulff halten.

Israelische Botschaft: Boehm relativiert Holocaust

Die israelische Botschaft in Berlin hatte die Einladung an Boehm kritisiert. Dieser bezeichne die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Manipulation und relativiere den Holocaust, schrieb sie am Mittwoch auf X. „Die Instrumentalisierung des Gedenkens an den Holocaust ist bereits in vollem Gange, Boehm ist nur einer der schillerndsten Wortführer. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft versucht Boehm, das Gedenken an den Holocaust mit seinem Diskurs über universelle Werte zu verwässern und damit seiner historischen und moralischen Bedeutung zu berauben.“

Der Vorstandsvorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, begrüßte indes die Absage der Rede von Boehm. Er empfinde die Absage als „Erleichterung“, erklärte Schramm am Freitag in Erfurt. Boehm hätte seiner Meinung nach nicht das Hauptanliegen der Opfer und Überlebenden von Buchenwald in den Mittelpunkt gerückt: „Ehrung, Gedenken und Scheitern des ‚Nie wieder!‘“ Mit diesem Ausdruck ist gemeint, dass es nie wieder Faschismus geben darf.

Die Bundesregierung äußerte sich nicht direkt zu dem Vorfall. Der stellvertretende Regierungssprecher Wolfgang Büchner betonte jedoch am Freitag in Berlin, dass die KZ- Gedenkstätten in Deutschland „unentbehrliche Lernorte gegen das Vergessen“ seien. Sie trügen dafür Sorge, dass das Wissen über das Schicksal der Opfer des Nationalsozialismus im Bewusstsein der Menschen wachgehalten werde. Dies setze voraus, „dass sie ihrer Arbeit in vollkommener Freiheit ohne die Bedrängung staatlicher Institutionen oder gesellschaftlicher Gruppen nachgehen können“, sagte Büchner. „Das bedeutet auch, dass die Gedenkstätten ihre Gesprächspartner frei wählen können müssen.“

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8 Antworten

  1. Die israelische Botschaft in Berlin hat die Einladung an Boehm kritisiert. Wer hat Recht? Die israelische Botschaft.

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  2. Ich kann im Einzelnen die Aussagen von Herrn Boehm mangels genauer Kenntnisse nicht berurteilen. Aber hat er wirklich Yad Vashem als Manipulation bezeichnet ? Wenn ja, ist das skandalös. Ich war mehrfach in Yad Vashem und kam jedesmal völlig durchgerüttelt heraus, meistens mit Tränen, voll Scham und Zorn. Wo um alles in der Welt soll da eine Manipulation sein ? Was man dort sieht, sind Fakten, leider. Jüdische Freunde in Deutschland stehen Herrn Boehm übrigens auch sehr kritisch gegenüber.

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    1. @Antonia
      Ich habe auch zu wenig Kenntnisse darüber, aber wenn es stimmt, ist er nicht der einzige, der die Wissenschaft für seine Ideologie missbraucht.

      In Mena Watch über ihn gelesen, zwei Aussagen, aber man müsste sie vielleicht im Zusammenhang lesen. Er ist halt gegen das „sakrale Holocaustgedenken“.
      1. „Der Holocaust und die Nakba sind somit nichts anderes als die Hauptsäulen des zionistischen Denkens.“
      2. „Wenn die Gründung eines jüdischen Staates ein Teil der Geschichte des Holocaust ist …, dann ist auch die Nakba ein untrennbarer Teil der Geschichte des Holocaust.«
      Das sind schon seltsame Aussagen.
      Wichtig ist denke ich, dass diese Gedenkveranstaltung ohne Zwist, sondern in Würde vonstatten geht, mit oder ohne Omri Böhm. Das ist man den Betroffenen schuldig.
      Aus Yad Vashem geh ich gebügelt hinaus, da geht’s mir wie dir. Shabat Shalom und liebe Grüße Ella

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    2. Es gab mal bei mena eine mehrteilige Serie über ihn und seine Aussagen. War sehr interessant. Da stimmt leider manches nicht zusammen. Teil 8 hat sich mit Yad Vashem als Schaltzentrale des Bösen beschäftigt

      Ein paar Punkte daraus: Boehm sagt, das Holocaustgedenken hat sich in Israel zur Gegenmacht jeder liberalen Politik verwandelt zum Zusammenbruch der Vernunft und bezieht sich damit auf einen Philosophieprofessor Elkana, der gesagt habe, es gäbe keine größere Gefahr für Israels Existenz als die Erinnerung an den Holocaust.

      Boehm sagt weiter, Vad Vashem habe einen Plan entwickelt, israel. Kindern den Holocaust bereits im Kindergarten zu vermitteln. (Kein Problem hat er übrigens damit, dass bereits vierjährige im Gazastreifen das Judenmorden lernen).

      Boehm hat das gleiche Problem wie noch andere Israelis, die sagen, die Israelis haben die Nakba verursacht, sie sind Täter und keine Opfer.
      Er behauptet, dass Israel vor 1961 kein Interesse am Holocaustgedenken hatte. Aber:
      Kibbuz Yad Mordechai, gegründet 1943 – Name geht das Warschauer Ghetto zurück und den Aufstand.

      Kibbuz Lochamei HaGetaot: Name bedeute Ghettokämpfer – geht zurück auf Holocaustüberlebenden. Kibbuz wurde 1949 gegründet
      1950 gab es 70 Gedenkveranstaltungen in ganz Israel
      1951 rief die Knesset den Yom HaShoa ins Leben

      Boehm dreht sich die Geschichte so hin, wie es in sein Narrativ passt.

      Die Reihe kann man bei mena noch googeln. Sehr interessant.

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  3. Herr Boehm, Kritiker Israels und steht nicht zu Yad Vashem. Dann soll er weg bleiben. Wir waren 2x in Buchenwald. Skins aus Gotha randalierten dort. Im Osten gibt es viele Rechte.

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  4. Ich maße mir nicht an Boehm großflächig zu kritisieren, aber Yad Vashem als manipulatives Werkzeug zu bezeichnen, ist schon mehr als grenzwertig.
    Damit packt er sich in die gleiche Kloschüssel wie Butler, Feldmann und wie die sonst noch heißen…………SHALOM SHABBAT

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  5. Gedenken braucht keine Ideologie. Es braucht ein offenes Herz für dem Schmerz, dem gadacht wird. Es braucht den Willen daraus zu lernen. Darum geht es beim Betrachten schmerzlicher geschichtlicher Fakten, wie sie hervorragend in Yad Vashem präsentiert und bewahrt werden. Deshalb ist jegliche ideologisch gefärbte Einlassung guten Gewissens aus dem Gedenken zu verbannen, ganz egal von wem der Bann veranlasst wird.

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